05.08.2021 Tagebucheintrag

Jürgen Fliege, La Palma

wir haben uns heute, hier und überall, versammelt, um uns in aller Stille vor dem toten Sascha Moll zu verneigen. Es ist ein heiliger Moment, ein Moment tiefster Betroffenheit! Einer von uns. Kein Namenloser. Einer von uns. Ein Moment großer Stille! Als wenn wir noch etwas hören wollten. Als wenn wir fassungslos von einer fernen Antwort erlöst werden wollten?! Es ist ein Moment des Lauschens. Als wenn einer, der uns verstorben ist, noch ein Wort zu uns sprechen könnte.

Lauschen!

Ihr lieben Schwestern und Brüder,
Sascha Moll wird seinen Liebsten in den nächsten Wochen und Monaten und Jahren noch viel zu sagen haben. In Träumen, in Erinnerungen, in Tränentälern, Imitationen, so sein wollen wie er, auch Ermutigungen wird man spüren: Was würde Sascha jetzt tun, der Ehemann, der Vater, der Sohn? Wie würde er entscheiden? Er wird da sein und helfen.

Lauschen!

Manchmal fällt nur ein Blatt von einem Baum und weißt einem Liebenden den Weg, oder der Wind weht leise und signalisiert Anwesenheit. Nichts, ihr Lieben, macht uns so sensibel für alles was um uns passiert, wie der Tod. Der Tod macht uns weise.

Das wird nicht einfach sein. Es werden Zeiten kommen, in denen der Schock über seinen Tod und das Alleinsein wiederkommt wie ewigen Wellen auf einem endlosen Meer. Wellen, die nie aufhören. Aber der Schock bleibt auch nur bis zum ersten Atemzug, mit dem sich alles verwandeln kann. Es werden Zeiten kommen und….. vergehen: Wütende Zeiten werden kommen, dass man Gott und die Welt verklagen könnte wie ein Hiob. Aber in diesen Feuern der Wut finden wir die Liebe nicht wieder. Erschöpft sinken wir zusammen. Alles hat seine Zeit. Es werden Zeiten voller Aggression kommen, in denen die Wut sich zu Gewalt bündelt und man alles kurz und klein schlagen möchte. So kurz und so klein, wie man sich gerade selbst erlebt. Niemand will allein sein in seinem Schmerz, also fügt man den anderen einen ähnlichen Schmerz zu. Aber die Liebe wartet erst in deiner Erschöpfung auf dich. Es hat dir alle Kraft gekostet. Alles braucht seine Zeit. Es werden jetzt Wüsten kommen, nicht enden wollende Tage und Wochen voller Depression. Da scheint nichts zu wachsen. Da verdorrt jedes Blatt und jede Blüte am Stamm.

Die Liebe nämlich wächst im Dunkeln. Sie hat in der Dunkelheit die Dürre überlebt. Sie wächst in der Stille, wenn alle diese Täler durchwandert sind. Sie ist da und begegnet dir wenn deine Hände, mit denen man das Unfassbare solange mit dem Herzen und den sich langsam weitenden Armen umfasst hat, sic und dich berühren. Sie ähneln einer alten Eiche, die mit ihrer Rinde einen Axthieb am Stamm nu endlich ummantel hat. So lange! Wir sind wie ein Baum.

Lauschen! Atmen!

Tief in den Bauch hinein. In diesen Hochofen der Gefühle, der alles verbrennen kann, was nicht liebt.

Lauschen!

Natürlich reden die Verstorbenen zu uns. Was glaubt ihr denn? Wart ihr noch nie auf einem Friedhof, diesen Oasen des Himmels und der Stille, wo sich irgendwelcher Lärm von selbst verbietet? Wann wart ihr zuletzt am Grab der Mutter, des Vaters, der Liebsten, der Kinder? Da lauschen wir alle und halten die Hände ruhig und neigen Kopf leicht, um näher zu sein bei den Toten, um besser hören zu können.

Wart ihr noch nie an den Stätten des Grauens, Bendlerblock in Berlin, Stuttova bei Danzig, Dachau bei München, Yad Jachem in Jerusalem und all überall, wo Krieg und Faschismus unsere Mütter und Väter, unsere Schwestern und Brüder massenhaft umgebracht haben? In der Toskana, auf dem Peleponnes und Kreta, Spanien, Mauthausen. Ist es da etwa laut? Da war es laut! Da schrie alles zum Himmel! Aber jetzt? Es sind Orte der Stille und des Lauschens. Was raunen denn die Toten aus der Stille heraus, requiescas in pacem?

Was sagen denn all die Toten, die ihres Lebens beraubt wurden? Was sagen sie denn denen, die lauschen? Was sagen sie uns?

Ihr lieben Schwestern und Brüder?

Ich war an all diesen Orten und einigen mehr. Und ich war auf vielen Friedhöfen unseres Landes und vor hunderten offenen Gräbern habe ich gestanden. Ich habe in mancher stillen Osternacht in Tutzing dem braunen XY ein „Christ ist erstanden“ vorgesummt und einem der ersten prominenten Aidstoten unseres Landes, dem Chansonnier Gordy, von Mary und Gordy, ein „ You did it your way hinterhergesungen!“ Was antworten sie? Was sagen sie?

Unsere Toten sagen alle dasselbe. In ihren unterschiedlichen Sprachen. Sie reden alle wie ein biblischer Engel. „Friede sei mit euch, sagen sie, nicht Hass“! Und dann haben sie alle dieselbe Botschaft für uns. Eine Botschaft des Friedens, kommen sie mit weißen Fahnenkleidern. Sie sagen alle dasselbe. Sie sagen: „Es ist genug!“ Wie Elia in der Wüste! Es ist genug gehasst, gelitten, gestorben, gekämpft und verletzt und gemordet. Es ist genug. Hört auf damit! Schaut nicht nur nach aussen. Schaut auch nach innen!

Das Reich des Friedens, in das unsere Verstorbenen eingetreten sind, lässt gar kein anderes letztes und erstes Wort zu. Es ist genug! Achtet auf eure Seele, dass ihr euch nicht länger quälet.

Alle anderen Worte von Verstorbenen, die Menschen aus den Gräbern zu hören vermeinen, sind reine Projektionen! Sie schieben den Toten ihr unbewältigtes Leben unters letzte Hemd. Grabbeigaben des Teufels. Das kommt leider dauernd vor. Wir schmieden unsere Toten für den Krieg und die Auseinandersetzung mit anderen Menschen oft genug um in seelische Waffen. Waffen! Hört ihr!? Es bleiben Waffen. Waffen der Liebe gibt es nicht. Schwestern und Brüder.

Hört und Lauscht! Es ist genug!

Und das sagt auch unser Verstorbener zu uns und zu allen anderen Schwestern und Brüder! Es ist genug! Das sagt er zu uns, damit wir uns alle nicht in den politischen Auseinandersetzungen verrennen und verlieren und da und dort auch radikalisieren. Ihr verlasst dann den Weg des Friedens!

Es ist genug! Das sagt er aber auch zu all den anderen, mit deren Schicksal er nun mit seinem Tod verbunden worden ist. Das sagt er auch zur Polizei in Berlin und überall. Es ist genug gekämpft und genug Angst eingejagt und wohl auch genug gehorcht ! Es ist genug! Das sagt er auch zu all den Maßnahmen, die ihn und uns alle und auch die Polizei auf die Straße getrieben haben. Es ist genug! Kehrt um!

Unsere Toten sind ein Friedensbattallion! Und jeder Verstorbene ist ein Friedensbote!

Lauscht! Atmet!

Und, liebe Schwestern und Brüder, fragt nicht die ganze Zeit nach dem großen WARUM? Das zerreißt nur die Stille. Alle WARUMS dieser Welt suchen von Natur aus immer nur im Gestern nach einem Fundament für morgen. Oft genug suchen sie auch nach Munition, um ihren Schmerz umzuwandeln. In neue Kampfmittel. Das unbewältigte Gestern ist immer die Waffenschmiede von heute und morgen.

Jesus lehrt: Richtet nicht! Fragt nicht nach dem Warum! Wer warum, warum fragt, will richten. Er sucht nur einen Schuldigen. Das gilt für lebenslang gelähmt in den Straßen Jerusalems, wo Jesus uns diese Lektion erteilt, wie für Querdenker in Berlin. Es gilt immer. Und Jesu Antwort gilt ach immer: Keiner ist Schuld. Wenn überhaupt diese ebenso spießige wie arrogante Frage nach den Schuldigen erlaubt ist, dann nur, um sie mit Jesu Worten an Gott und oder an das Schicksal durchzureichen. Ihr werdet auf der Welt keinen Schuldigen finden, der nicht selbst diesen Druck weitergeben könnte. Hinter jeder Antwort auf ein Warum taucht ein Neues aus. Und hinter jedem gefundenen Schuldigen wirkt ein anderer Unentdeckter mit. Lass das sein, wenn ihr könnt! Die Hoffnung auf eine Antwort, die euch das große Warm vorgaukelt, führt euch am Ende die Wüste, ein endloser Friedhof der Warums. Viele Warums, alle Warums! Und ihr habt euch verirrt.

Lauscht! Atmet!

Hört doch!

Ein Schmerz hat nicht nur eine Ursache. Ein Schmerz hat auch einen Sinn. Ein Schmerz hat nicht nur ein Gestern und ein Warum. Ein Schmerz hat auch ein Morgen und ein Wozu?

Aber dieses stille Erlauschens eines Wozu, wozu der Tod, wozu das Leben?, das setzt eine empfindsame Seele voraus. Für Menschen ohne Seele ist jeder Tod sinnlos. Für Menschen mit Seele bedeutet jeder Tod auch Leben. Aber das zu erkennen und zu erfahren braucht Zeit.

Also, Schwestern und Brüder, wozu und wofür ist das passiert?

Das wissen wir noch nicht. Zu schnell sind die Projektionen auch hier, um uns nur zu verwirren. Zwei Jahre und mehr müssen nach meiner Erfahrung mindestens ins Land gehen, dass diese Frage nach dem Wozu erste Früchte tragen.

Was sollen wir in dieser Zeit tun?

Nichts! Am besten nichts! Uns Sehen, wenn wir weinen. Nicht eingreifen. Nicht vertrösten. Billige Worte sind das nur. Nicht weglaufen, wenn die Wüste kommt. Nur bleiben.

Und wir schauen auf den Verstorbenen, der sich langsam in diesen ersten vierzig Tagen seines neuen Lebens von uns vorsichtig abwendet, um zu gehen. Er lässt uns hinter sich. Endgültig. Und wir sehen nur noch einen Rücken. Aber da kann man erkennen, dass die alten Mythen vom Lindenblatt zwischen den Schultern stimmen. Nirgends sind wir so verletzlich, wie wenn jemand hinter unserem Rücken über uns redet. Mit Worten und Werken trifft er unser Herz. Da sind wir so hilflos. Das ist unsere verletzlichste Stelle. Das Lindenblatt i Rücken ist nur Zentimeter vom Herzen entfernt

Und so rufen wir dem Reisenden Sascha Moll nach, Nachruf in die Verletzlichkeit, was er für uns war. Zuerst einmal ein so oder so geliebter Sohn seiner Eltern! Dann ein sensibler Partner auch! Dann ein Vater, der seinen Sohn an die Hand nimmt, wie ein Wilhelm Tell. Und dann immer auch ein verletztes Menschenkind wie wir alle, die oft die Welt nicht verstehen. Wir reden gut über ihn. Benedicere.

Benedicere! Gutes reden! Das heißt übersetzt: segnen.

Wir segnen ihn, indem wir in seinem Rücken Gutes über ihm sagen! Das und nur das, tut die Liebe, das und nur das stillt den Schmerz, das und nur das verwandelt den Hass unter uns in Liebe, das, und nur das lässt uns leben und sterben.

Friede sei mit dir! Sascha Moll!

Friede sei mit uns, liebe Schwestern und Brüder!