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02.03.2026 Kuratorium, Projekte

Es ist nicht leicht, Leuten zu helfen

Pfarrer Christoph Karlson (53) ist es gewohnt, gerufen zu werden: Seine Pfarrei Johannes Bosco im Berliner Südwesten betreut 41 Seniorenheime. Wenn in einem dieser Häuser ein Leben unvorhersehbar schnell endet, ist er zur Stelle. Seine Gottesdienste sind gut besucht. Mehrmals im Jahr kommen Leute auf ihn zu, die sich taufen lassen wollen. „Jenseits der endlosen Negativschlagzeilen der katholischen Kirche, erleben wir hoffnungsvolle Momente“, sagt er. Auch als im Berliner Südwesten Anfang des Jahres der Strom ausfiel, reagierte er sofort. Rund um seine Kirche wurde es dunkel und kalt - nur die Pfarrei hatte Strom. Karlson öffnete den Pfarrsaal, stöpselte Mehrfachstecker ein und die Menschen kamen. Sie kamen, um ihre Telefone zu laden, sie blieben, um Tee zu trinken und sie fingen an, zu reden. Kurz nach Weihnachten saßen Familien, Alleinstehende und Senioren zusammen, die ihre Schwierigkeiten bis dahin still durch die Feiertage getragen hatten. „Da war dann ein Ventil“, sagt er. Mehr musste er nicht tun, als einen Raum zu öffnen. Doch genau das ist sein Dilemma: Er kann nur helfen, wenn jemand kommt.
Zwischen Wannsee und Lichterfelde leben gut situierte Senioren, viele Familien. Und diese vermeintlich heile Welt ist ein Problem. „Finanzielle Schwierigkeiten werden dort manchmal ganz schön unter der Decke gehalten“, sagt Karlson.
Dabei möchte er helfen..
Als Kuratoriumsmitglied der Fliege Stiftung kann er drei Jahre lang jeweils 10.000 Euro an Bedürftige vergeben - Geld, das entlasten, überbrücken, Luft verschaffen soll. Doch niemand bittet ihn offiziell um Unterstützung. Wer ins Straucheln gerät, versucht es erst einmal allein.
Karlsons Kalender ist voll: 41 Seniorenheime und sechs Kirchen halten ihn beschäftigt. Für lange, behutsame Gespräche bleibt oft wenig Zeit. Und doch weiß er: Scham braucht Vertrauen. Und Vertrauen braucht Zeit.
Also wartet er nicht. Er bittet die ehrenamtlichen Helfer seiner Pfarrei um Hinweise. Er fragt Kollegen in benachbarten Pfarreien: „Habt Ihr Leute, die plötzlich nicht mehr kommen?“ „Fällt Euch was auf, ich kann helfen, Leute wieder auf die Beine zu bringen.“ Die Rückmeldungen sind zurückhaltend - aber es gibt sie. So findet er Familien, die Unterstützung benötigen. Und so kann er die Mittel der Stiftung Fliege vergeben: leise, diskret und gezielt.
„Es ist nicht leicht, Leuten zu helfen“, stellt Karlson fest. Nicht, weil es keine Not gibt. Sondern weil sie sich nicht von selbst zeigt. Deshalb sucht er.